Stadt Völklingen

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Ohne gutes Deutsch geht es in der Schule nicht –

27.09.2006  

108/2006

Weit über 100 Zuhörer kamen zu einem Vortrag von Prof. Dr. Ahmet Toprak zum Thema "Spracherwerb im Kindesalter" in die Wehrdener Kulturhalle. Die Integrationsbeauftragte der Stadt Völklingen Sevim Tasci hatte in Schulen und Kindergärten sowie in den Kirchen und Moscheen für diese Pilotveranstaltung insbesondere bei Eltern nichtdeutscher Kinder geworben. Der unerwartet große Andrang zeigte, dass es gerade diesem Personenkreis sehr wichtig ist, Deutsch als Sprache auf dem erfolgreichen Weg durch das Schulsystem zu fördern und zu festigen.

Bürger aus 81 Nationen leben in Völklingen, wie der Vorsitzende des Ausländerbeirates, Cavaliere Carmelo Vitello, in einem Diskussionsbeitrag feststellen konnte. An die hundert beantragen jährlich die Einbürgerung, in der Mehrzahl Türken. Auch am Vortragsabend stellten die türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger die Mehrheit, inklusive der Kulturabteilung des türkischen Generalkonsulates in Mainz, den staatlichen türkischen Lehrern im Saarland und den Vorsitzenden der Völklinger Moscheevereine.

Gut zehn verschiedene Sprachen waren im Publikum versammelt, aber Prof. Dr. Toprak von der Fachhochschule im bayrischen Eichstätt verkündete seine Thesen zum Thema selbstverständlich auf deutsch. Niemand musste die bereit stehenden Dolmetscher in Anspruch nehmen, um die doch sehr komplexen Zusammenhänge zu verstehen. Das darf durchaus als Beleg dafür genommen werden, dass die Sprachkompetenz unserer so genannten ausländischen Mitbürger viel besser ist, als ihnen zugetraut oder gelegentlich unterstellt wird.

Prof. Dr.Toprak begann seinen kurzweiligen und klar gegliederten knapp einstündigen Vortrag mit einigen historischen Daten zur Anwerbung von "Gastarbeitern" in den Jahren zwischen 1955 und 1973. Schon 1980 hätte allen Verantwortlichen klar sein müssen, dass die weit überwiegende Mehrzahl dieser "Ausländer" nie mehr in ihre Heimat zurückkehren würde, denn trotz lukrativer Geldprämien der Bundesregierung gingen von über 2 Millionen Türken gerade mal 9000 zurück. Jetzt nach 25 Jahren über eine nicht gelungene Integration zu klagen, als wäre dies gerade jetzt erst zum Vorschein gekommen, sei demnach etwas scheinheilig.

Auch der negative Einfluss von Kabel- und Satellitenfernsehen auf die Sprachkompetenz der nichtdeutschen Jugendlichen sei nicht das Hauptproblem. Ahmet Toprak hielt insbesondere seinen Landsleuten, die er besonders gut kennt und in vielen wissenschaftlichen Arbeiten erforscht und analysiert hat, den Spiegel vor. Fast 80 Prozent der türkischen Zuwanderer kommen aus dem Bauern- und (Land-)Arbeitermilieu, was leider auch bedeutet, dass sie ihre Muttersprache Türkisch nicht auf höchstem Niveau beherrschen. Sehr konservative Wertvorstellungen prägen die Erziehungsziele, vor allem für die Mädchen, und die Kommunikation innerhalb der Familien ist oft auf ein Minimum von Fragen und Anweisungen beschränkt . Leider haben sich viele Zuwanderer auch nicht bemüht, ordentlich Deutsch zu lernen. Insbesondere die Schriftform ist verbesserungsbedürftig. In so fern sei auch nicht unbedingt hilfreich, wenn in türkischen Familien zwanghaft schlechtes Deutsch praktiziert werde.

Prof. Toprak legt sich nicht auf eine bestimmte so genannte Muttersprache in der Familie fest, wichtig sei nur, dass die erste Sprache konsequent und richtig vermittelt würde. Gute Kenntnisse in einer Sprache erleichtern das Lernen einer zweiten und später auch dritten Sprache. Absolut falsch sei in jedem Fall ein Mischmasch und ständiger Sprachwechsel im Elternhaus.

Im weiteren benannte der Referent auch die Mängel des deutschen Kindergarten- und Schulsystems, das sich für Migranten, zwischenzeitlich aber auch für viele deutsche Kinder der "Unterschicht" sehr negativ auswirke: keine Kindergartenpflicht, zu wenig Förderunterricht, und wenn, zu den pädagogisch falschen Zeiten am Nachmittag, zu frühe Trennung der Schüler im dreigliedrigen Schulsystem.

Hier waren die Korrekturvorschläge deutlich, und sie deckten sich mit den Erkenntnissen der Fachleute nach den PISA-Erfahrungen: kostenlose und verpflichtende 3 Jahre im Kindergarten, ggf. mit Sprachförderung, echte Ganztagesschulen, die die Kommunikation aller Schüler untereinander fördern und den Lehrern mehr Einfluss auf die Sprachkompetenz bieten, sowie weniger Schulformen und Hinauszögern der Entscheidung über den angestrebten Schulabschluss.

Seine Thesen verband Prof. Dr.Toprak mit dem Appell an alle Eltern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, selbst jede angebotene Möglichkeit zu nutzen, ihr Deutsch in Wort und Schrift zu verbessern und die schulische Laufbahn ihrer Sprösslinge intensiv zu begleiten, damit deren Chancen am Arbeitsmarkt besser werden.

Nach diesem zum Teil doch etwas provokanten Vortrag entspann sich im Saal eine rege Diskussion, bei der fast jeder zu Wort kam. Auch hier brauchte niemand auf einen Dolmetscher zurück zu greifen. Und mancher staunte über die Wortbeiträge gerade der jungen Türken auf absolut akademischem Niveau.

Die vielen anwesenden türkischen und deutschen Lehrer, zum Teil Schulleiter von Grundschulen und Gymnasien, konnten nur die Wichtigkeit der deutschen Sprache für den schulischen Erfolg betonen. Auch ihnen ist aufgefallen, dass Deutsch als Muttersprache bei vielen deutschen Kindern nicht mehr vorausgesetzt werden darf, zumal bei manchen Deutsch nach Saarländisch schon die erste Fremdsprache sei.

Viele türkische Eltern beklagten den Mangel an Förderunterricht in der Schule oder am Nachmittag, wobei die außerschulischen Angebote oft sehr teuer seien. Immerhin bieten die Völklinger Moscheevereine mittlerweile Aufgabenbetreuung mit deutschen Lehrern an.

Nach über einer Stunde beendete die Integrationsbeauftragte der Stadt Völklingen Sevim Tasci die Diskussionsrunde offiziell. In Kleingruppen wurde aber noch munter weiter diskutiert.

In einem Fragebogen konnten die Teilnehmer ihr Urteil über die Veranstaltung festhalten und weitere Themen für Folgeveranstaltungen benennen.

Nach dieser guten Resonanz zum Auftakt dürfte klar sein, dass die Völklinger aller Nationalitäten zu ähnlichen Angeboten gerne wieder zahlreich in die Wehrdener Kulturhalle kommen werden.